„Primarschule“: Ein Schulversuch ohne Ergebnisse
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Dienstag, 11.08.2009
Von Beust und Goetsch preisen die angeblich "bessere Schulform" - Der Senat bleibt Beweis für diese Behauptung aber schuldig - Rabe plädiert für Offensive zur Verbesserung der Unterrichtsqualität
Der im Jahr 2000 gestartete Schulversuch für die Primarschule in Hamburg liefert keine Erkenntnisse über deren Chancen und Risiken. Das geht aus der Antwort des Senats auf eine Kleine Anfrage des SPD-Schulexperten Ties Rabe hervor. „Seit eineinhalb Jahren hält der Senat ein Gutachten zum Primarschulversuch unter Verschluss. Kein Wunder. Denn das Ergebnis kann der Behörde nicht gefallen“, sagte Rabe. Hamburgs Modell-Primarschulen lieferten keinen Beweis für die Behauptung von Schulsenatorin Christa Goetsch (GAL), die Primarschule sei die bessere Schulform. „Wie zahlreiche wissenschaftliche Studien zuvor zeigt auch der Hamburger Schulversuch: Ob die Primarschule nützt oder schadet, weiß niemand. Denn zu viele Schüler haben während des Schulversuchs die Primarschulen in Richtung von Gymnasien, Gesamtschulen und Privatschulen verlassen“, sagte Rabe.
Der SPD-Schulexperte hatte vom Senat belastbare Zahlen über den Schulversuch abgefragt. In ihm starteten im Sommer 2000 die Hamburger Grundschulen „Bei der Katharinenkirche“ und „Beim Pachthof“ als erste Primarschulen Hamburgs. Der Wechsel zahlreicher Schüler während des Schulversuchs macht eine Auswertung jedoch unmöglich. So erreichten von 30 im Jahr 2000 gestarteten Schülern an der Schule „Bei der Katharinenkirche“ beispielsweise nur 16 die sechste Klasse. Während des Schulversuchs starteten an dieser Schule - verteilt über drei Jahre - insgesamt 128 Kinder in Klasse 1, nur 72 erreichten Klasse 6. Das entspricht einer Quote von lediglich 56 Prozent.
Auf den ersten Blick etwas fällt das Ergebnis an der Schule „Beim Pachthof“ aus. Hier starteten in den Jahren 2000 bis 2003 insgesamt 225 Erstklässler, 192 erreichten die Klasse 6. Das ist allerdings darauf zurückzuführen, dass dort zahlreiche Neuzugänge im laufenden Schulversuch die Lücken der Abgänger teilweise auffüllten.
Nachdem die ersten beiden Jahrgänge die Primarschule beendet hatten, wurde vom „Landesinstitut für Lehrerbildung Hamburg“ ein Zwischengutachten angefertigt (Abschrift siehe unten). Besonders pikant: Das Gutachten entstand unter der Leitung des heutigen Staatsrats Ulrich Vieluf. Das Fazit lautet: „Beide Schulen hatten in beiden Jahrgängen hohe Fluktuationsraten zu verzeichnen. (…) Vor diesem Hintergrund lassen sich aus den vorliegenden Befunden keine im Hinblick auf die Ziele des Schulversuchs verallgemeinerbaren Aussagen ableiten.“ Rabe: „Die Senatorin behauptet hingegen, die Primarschule schaffe mehr Bildungsgerechtigkeit. Trotz zahlreicher Studien und Schulversuche gibt es für diese Behauptung bis heute keinen einzigen wissenschaftlichen Beweis. Es gibt nicht einmal belastbare Indizien. Der Hamburger Schulversuch zeigt das erneut. Trotzdem soll für eine vage Vermutung das komplette Hamburger Schulsystem mit hunderten Millionen Euro umgebaut werden. Vernünftig ist das nicht.“
Die Auswertung des Hamburger Primarschulversuchs enthalte allerdings auch einige spannende Ergebnisse, sagte der SPD-Schulfachmann weiter. So beschreibe das Gutachten bei einer Klasse beispielsweise einen großen Lernerfolg im Lesen. Grund dafür sei vor allem ein gezielter und hervorragender Unterricht. „Abermals wird hier die Bedeutung von qualitativ hochwertigem Unterricht deutlich. Dieses Thema gehört ganz oben auf die bildungspolitische Tagesordnung“, sagte Rabe.
Die Auswertung zeige zudem: Leistungsstarke Schüler starteten oft auf einem sehr hohen Niveau, lernten aber dann nach Klasse 4 im Vergleich zu leistungsschwächeren Mitschülern nur noch wenig dazu, während ihre leistungsschwächeren Mitschüler einen größeren Lernzuwachs verzeichneten. Dieses Phänomen bezeichnet das Gutachten als „Deckeneffekt“. Im Rahmen der so genannten Lehmann-Studie über Berliner Primarschulen entzündete sich vor allem an diesem Phänomen ein wissenschaftlicher Streit. Denn die Berliner Studie zeigte unter anderem, dass die leistungsstarken Schüler an den Gymnasien weniger dazu lernten als die leistungsschwächern Mitschüler an den Primarschulen. Einige Wissenschaftler glaubten darin einen Beweis für die Überlegenheit der Primarschule zu erkennen. Hamburgs Primarschulversuch gibt jetzt einen ersten Hinweis darauf, dass leistungsstarke Schüler möglicherweise unabhängig von der Schulform in den Klassen 5 und 6 nur geringe Lernzuwächse erzielen. Auch an der Primarschule lernen sie nicht besser.
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Abschrift
Landesinstitut für Lehrerbildung und Schulentwicklung Hamburg
Abteilung Qualitätsentwicklung und Standardsicherung
Leitung Ulrich Vieluf
Schulversuch „Sechsjährige Grundschule“
Der beiliegende Foliensatz informiert über die Lernausgangslagen Ende Klasse 4, die Lernentwicklung im Verlauf der fünften und sechsten Jahrgangsstufe und die am Ende der Jahrgangsstufe 6 erreichten Lernstände der Schülerinnen und Schüler aus den beiden ersten Jahrgängen des Schulversuchs.
Beide Schulen hatten in beiden Jahrgängen hohe Fluktuationsraten zu verzeichnen, die zum Teil auf die hamburgweit hohe Mobilität, teilweise aber auch auf verunsicherte Eltern zurückzuführen sind, die ihre Kinder nach Ankündigung der Beendigung des Schulversuchs auf ein privates Gymnasium umgemeldet haben.
Hinsichtlich der Zusammensetzung der jeweiligen Schülerschaften finden sich zwischen beiden Jahrgängen erhebliche Unterschiede: Im zweiten Jahrgang verzeichneten beide Schulen deutlich weniger leistungsstarke Kinder aus bildungsnahen Elternhäusern.
Vor diesem Hintergrund lassen sich aus den vorliegenden Befunden keine im Hinblick auf die Ziele des Schulversuchs verallgemeinerbaren Aussagen ableiten.
Ungeachtet dieser Einschränkungen kann die Aussage getroffen werden, dass für die Kinder, die dem Schulversuch treu geblieben waren, keinerlei Nachteile entstanden sind. Die am Ende der Jahrgangsstufe erreichten Lernstände liegen in den erfassten Kompetenzbereichen überwiegend mindestens auf dem Niveau vergleichbarer Schülerschaften und teilweise darüber.
Im Einzelnen:
Die Schülerinnen und Schüler des ersten Jahrgangs des Schulversuchs an der Schule Beim Pachthof lagen Ende Klasse 6 hochsignifikant über den mittleren Lernständen, die die Schülerinnen und Schüler des ein Jahr zuvor im Rahmen von KESS 7 getesteten Jahrgangs derselben Schule erreicht hatten und ebenso deutlich über dem mittleren Niveau des KESS-Jahrgangs an den HR-Schulen insgesamt. Dies ist in erster Linie auf den vergleichsweise höheren Anteil an leistungsstarken Schülerinnen und Schülern zurückzuführen, die andernfalls an ein Gymnasium oder eine Gesamtschule abgegangen wären, aber auch auf zum Teil beachtliche Fördererfolge.
Auch im zweiten Jahrgang erreichten die Schülerinnen und Schüler der Schule Beim Pachthof in den Kompetenzbereichen Lesen und Mathematik trotz einer ungünstigeren Zusammensetzung der Schülerschaft signifikant höhere Lernstände, während sich die Lernstände in Naturwissenschaften und Englisch nicht vom HR-Niveau abheben.
Betrachtet man die Lernentwicklungen im Verlauf der Jahrgangsstufen 5 und 6, so fällt der weit überdurchschnittliche Lernzuwachs des zweiten Jahrgangs im Leseverständnis heraus; hier konnte durch eine gezielte und intensive Leseförderung über die verschiedenen Leistungsgruppen hinweg der erhebliche Lernrückstand am Ende der Klasse 4 aufgeholt werden.
In Mathematik blieb der Lernzuwachs in beiden Jahrgängen gleichermaßen unter dem Niveau des KESS-Jahrgangs, was insbesondere auf die nicht ausreichende Förderung der oberen Leistungshälfte zurückzuführen ist.
In der Schule Bei der Katharinenkirche konnte im ersten Jahrgang des Schulversuchs das sehr hohe Niveau des KESS-Jahrgangs der Schule wie des KESS-Jahrgangs insgesamt wieder erreicht werden, in Englisch wurde es sogar deutlich übertroffen. Der zweite Jahrgang des Schulversuchs blieb hingegen über alle Kompetenzbereiche hinweg etwa ein Drittel Standardabweichung unter dem Niveau des ersten Jahrgangs. Im Vergleich zum KESS-Jahrgang insgesamt konnte sowohl in Mathematik als insbesondere in Englisch das mittlere Niveau erreicht bzw. übertroffen werden, während die Lernstände sowohl im Leseverständnis als auch in den Naturwissenschaften deutlich unter dem mittleren Niveau lagen. Dies ist in erster Linie auf eine ungünstige Zusammensetzung der Schülerschaft, aber auch auf curriculare Schwerpunktsetzungen (hohes Gewicht des Englisch-Unterrichts) zurückzuführen.
Hinsichtlich der Lernentwicklung im Verlauf der Jahrgangsstufen 5 und 6 fällt der geringe Lernzuwachs im Leseverständnis im ersten Schulversuchsjahrgang heraus, der mit 9 Skalenpunkten weit unterdurchschnittlich ausfiel. Hier ist ein „Deckeneffekt“ zu verzeichnen, der auf das außergewöhnlich hohe Ausgangsniveau der leistungsstarken Schülerinnen und Schüler am Ende der Klasse vier zurückgeht. Im zweiten Jahrgang konnte in diesem Kompetenzbereich ein über alle Leistungsgruppen hinweg überdurchschnittlicher Lernzuwachs erreicht werden. Auch in Mathematik verzeichnete der erste Schulversuchsjahrgang einen unterdurchschnittlichen Lernzuwachs, wiederum auf hohem Ausgangsniveau, während der Lernzuwachs der Schülerinnen und Schüler des zweiten Jahrgangs exakt dem mittleren Lernzuwachs des KESS-Jahrgangs entsprach.
Es lassen sich also keine Nachteile aus dem sechsjährigen gemeinsamen Lernen erkennen – trotz der schwierigen Rahmenbedingungen. Die geringen Schülerzahlen und die sowohl im Vergleich der Schulen als auch der Jahrgänge sehr disparaten Zusammensetzungen der beiden Schülerjahrgänge, erlauben jedoch keine zusammenfassenden Trendaussagen.
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Ties Rabe
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