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Benachteiligung von Jungen im Schulsystem

Montag, 03.05.2010, Drucksache 19/6096

Antwort des Senats: Parlamentsdatenbank

Kleine Anfrage des Abgeordneten Ties Rabe

Die jetzt vorgelegte Kess-8-Studie zeigt, dass der Abstand der Leistungen zwischen Jungen und Mädchen im Laufe der Schullaufbahn zunimmt. So heißt es in der Pressemitteilung der Schulbehörde über die Ergebnisse der Kess-8-Studie:
Deutliche Unterschiede lassen sich in den Lernentwicklungen von Mädchen und Jungen bilanzieren: Während die Mädchen bereits am Ende der Grundschulzeit mit günstigeren Kenntnissen der deutschen Sprache im Leseverständnis und in der Rechtschreibung sowie mit besseren Englischleistungen in die Sekundarstufe starten, gelingt es in den folgenden Schuljahren nicht, diese Leistungsrückstände der Jungen auszugleichen. Vielmehr vergrößert sich der Leistungsrückstand der Jungen. In Mathematik und in den Naturwissenschaften hingegen gelingt es den Mädchen im Verlauf der Sekundarstufe, den Vorsprung, den die Jungen noch am Ende der Grundschule aufweisen konnten, deutlich zu verringern.
Insgesamt verläuft die Jugend bei Jungen deutlich problematischer als bei Mädchen: Bei der Abiturientenquote liegen Mädchen bei inzwischen 55 %, Jungen bei 45 %. Fast 2/3 der Hauptschüler sind männlich, mehr noch gehen auf die „Sonderschule“. ADHS (das „Zappel-Philipp-Syndrom“) tritt bei weniger als einem Drittel der Mädchen auf, ebenso Schulversagen und Leistungsverweigerung. Bei der Berufsbildungsfähigkeit schneiden Jungen ebenfalls viel schlechter ab. Gewaltauffällig werden zu 90 % Jungen. Selbstmord kommt bei Jungen 10x häufiger als bei Mädchen vor.
Über die Ursachen wird in Wissenschaft und in Öffentlichkeit viel spekuliert. Die Berliner Morgenpost stellte vor kurzem in einem Artikel die gängigsten Erklärungsmuster dar:
- Nach einer aktuellen Untersuchung prägen Mädchen ihre Feinmotorik in der Regel vor der Pubertät aus, Jungen erst danach. Aus diesem Grund sind Jungen vor der Pubertät vorrangig grobmotorisch aktiv. Das erklärt den in der Schule oft störenden Bewegungsdrang der Jungen, ihre Ungeduld und Konzentrationsschwächen.
- Auch bei der Lösung von Aufgaben unterscheiden sich Jungen und Mädchen voneinander. Jungen beginnen meist erst einmal spontan zu handeln und zu experimentieren, während Mädchen eine möglichst genaue Gebrauchsanweisung benötigen. Aus diesem Grund können mündliche Anweisungen in der Regel von Mädchen besser aufgenommen werden als von Jungen.
- Mädchen verhalten sich meist ruhiger in der Klasse als die „wilden“ Jungen. Daher sind sie „beliebter“ beim Lehrerpersonal und werden meist besser benotet, vor allem von den Lehrerinnen.
- Jungen treffen im Schulsytem überwiegend auf Lehrerinnen und haben deshalb keine männlichen Vorbilder im Bildungsbereich.
- Die mündliche Leistung fließt stark in die Benotung ein. Da Mädchen sprachgewandter sind, haben sie auch hier einen Vorteil gegenüber Jungen.
- Jungen verbringen deutlich mehr Zeit mit Computerspielen und vergrößern dadurch ihre Konzentrations- und Sprachprobleme.
- Und spiegel online fasst die wissenschaftlichen Ergebnisse wie folgt zusammen: Jungen toben mehr, werden schneller handgreiflich, werfen weiter und treffen besser. Sie sind konkurrenzorientierter, risikobereiter, erkunden gern Unbekanntes, neigen zu Selbstüberschätzung und Imponiergehabe. Das lässt sie in der Schule leichter anecken. Mädchen dagegen sind fürsorglicher, sozial sensibler und kommunikativer – und damit für Lehrer im Umgang angenehmer.» Jungen müssen heute in der Schule Dinge tun, die sie überhaupt nicht können.
Wissenschaftler verweisen darauf, dass Jungen trotz deutlich schlechterer schulischer Noten in der Regel nicht leistungsschwächer sind. Der Dortmunder Bildungsforscher Wilfried Bos sagt beispielsweise: "Männer sind nicht per se dümmer. Wir werden nur nicht so gefördert.“ Und in der FAZ urteilte der Wissenschaftler Prof. Wassilios Fthenakis zur Problematik, dass es Untersuchungen gibt, wonach Jungen bei gleicher Leistung von Lehrern schlechter benotet werden als Mädchen: „Genauso wie Männer in der Vergangenheit in Netzwerken ihren Machtstatus untermauert haben, bevorzugen heute Frauen jene, die mehr dem eigenen Ansatz entsprechen: die Mädchen. Deshalb sind Jungen heute die gefährdete und benachteiligte Gruppe.“

Deshalb frage ich den Senat:
1. Welche Studien haben sich in letzter Zeit mit den Ursachen des Lernrückstands von Jungen gegenüber den Mädchen befasst und welche Ursachen werden als wahrscheinlich erachtet?
2. Welche speziellen Förderprogramme, Projekte, Schulversuche oder Angebote gibt es an Hamburgs allgemeinen Schulen, um Jungen besonders zu fördern?
3. Wie viele Schüler nehmen an den jeweiligen Angeboten teil? Bitte nach Angeboten differenzieren.
4. Wie bewertet der Senat den Erfolg der bisherigen Maßnahmen?
5. Welche weiteren Maßnahmen hält der Senat für geeignet, um den Rückstand der Jungen gegenüber den Mädchen zu verringern?
6. Sind weitere Maßnahmen geplant, um den Rückstand der Jungen gegenüber den Mädchen zu verringern? Wenn ja welche?
7. Wie hoch ist der Anteil männlicher Lehrkräfte zurzeit in den Hamburger Schulen? Bitte differenzieren nach Grundschulen, Haupt- und Realschulen, Gesamtschulen, Gymnasien und Sonder- und Förderschulen.
8. Wie hoch ist der Anteil von Mädchen und Jungen an den jeweiligen Schulabschlussarten am Ende des Schuljahrs 2008/2009? Bitte die Anteile an den Schulentlassenen differenziert nach Abschlussart analog zu Anlage 1 in Ds. 19/5742 darstellen.
9. Wie hoch ist der Anteil von Mädchen und Jungen an den Schulentlassenen ohne Schulabschluss am Ende des Schuljahrs 2008/2009?


Ties Rabe





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