Kazim Abaci

Fachsprecher für Integration

Bezirk: Altona

Patriarchalische Rollenbilder aufbrechen: Präventives Projekt zum Schutz von Mädchen und Frauen in Hamburg

Freitag, 03.06.2016, Drucksache 21/

Antrag der Abgeordneten Ksenija Bekeris, Wolfgang Rose, Kazim Abaci, Annkathrin Kammeyer, Doris Müller, Jens-Peter Schwieger, Regina Jäck, Brigitta Schulz, Hendrikje Blandow-Schlegel, Uwe Giffei und Fraktion sowie der Abgeordneten Filiz Demirel, Christiane Blömeke, Mareike Engels, Antje Möller, Farid Müller (GRÜNE) und Fraktion

In Hamburg leben weit über eine halbe Million Menschen mit Migrationshintergrund. Die Migration und ihre Auswirkungen auf die Familiengeschichte, auf die Rollenbilder der Geschlechter und die Erfahrungen mit der aufnehmenden Gesellschaft prägen die soziale Lebenssituation dieser Menschen. Die zweite und dritte Generation der in Deutschland geborenen und aufgewachsenen Menschen mit Migrationsgeschichte hat häufig andere Sichtweisen und Erwartungen als ihre Eltern. Dies ist für junge Menschen erst einmal normal – bei Jugendlichen mit Migrationshintergrund treffen unterschiedliche Vorstellungen von Selbstverwirklichung und individuellem Leben aber in besonderem Maße aufeinander. Sich zum Teil widersprechende Erwartungen aus familiärem und gesellschaftlichem Umfeld führen zu besonderen Schwierigkeiten bei der Findung des eigenen Lebensweges.
Junge Menschen mit Migrationshintergrund befinden sich so häufig in einem „Leben in zwei Welten“ und müssen lernen, mit den unterschiedlichen Erwartungen und Rollenbildern umzugehen. Viele Jugendliche meistern diese Herausforderung gut, einige jedoch auch nicht. Ausgrenzung, Erfolglosigkeit, Arbeitslosigkeit und Aggression sind mögliche Folgen.
Bei einigen Familien mit Migrationsgeschichte spielen traditionelle patriarchale Strukturen und besondere Vorstellungen von Ehre eine große Rolle. Jungen und junge Männer geraten unter Druck und in Konflikt mit patriarchalen Vorstellungen von Männlichkeit. Diese hindern Jugendliche beiderlei Geschlechts an der freien Entwick¬lung ihrer Persönlichkeit und schränken ihre Lebensentwürfe ein. Mit den zunehmenden Flüchtlingszahlen gewinnt dieses Thema erneut an Aktualität.
Insbesondere die Vorfälle von sexualisierter Gewalt gegen Frauen in der Silvesternacht 2015/2016 haben gezeigt, dass immer wieder Anstrengungen unternommen werden müssen, um die Grundrechte von Frauen, wie Freiheit und Selbstbestimmung zu verdeutlichen. Haltungen und Verhaltensweisen, die sich gegen diese Rechte wenden, müssen thematisiert und zurückgedrängt werden.
Die Erfahrungen zeigen, dass ein breites und vor allem präventives Angebot zur Aufklärung über Gleichberechtigung und das Selbstbestimmungsrecht von Frauen vorgehalten werden muss.
Auch von jungen Männern aus patriarchal geprägten Familien und Gesellschaften erwarten wir Akzeptanz und die Auseinandersetzung mit unseren gesellschaftlichen Regeln und den Leitlinien des Grundgesetzes. Sollen sie Teil unserer Gesellschaft werden, müssen wir ihnen Angebote machen und Chancen zur Integration eröffnen. Zur Integration gehören aber selbstverständlich auch Konsequenzen, für den Fall dass die grundlegenden gesellschaftlichen Werte angegriffen oder missachtet werden. Die Selbstbestimmung und die Unversehrtheit einer jeder Frau und eines jeden Menschen sind nicht verhandelbar.
Aus diesem Grund hat die rot-grüne Koalition einen Antrag zur sexuellen Selbstbestimmung von Frauen mit dem Ziel der Verschärfung des Sexualstrafrechts auf den Weg gebracht. Mit der Implementierung des Grundsatzes „Nein heißt Nein“ sollen bestehende Schutzlücken geschlossen und den Anforderungen der Istanbul-Konvention entsprochen werden. Darüber hinaus haben die Hamburger Polizei und die Staatsanwaltschaft nach den Übergriffen in Hamburg die notwendigen Maßnahmen zur Strafverfolgung eingeleitet.
Im Rot-Grünen Koalitionsvertrag wurde vereinbart, die Präventionsarbeit bei Jungen und jungen Männern mit dem Ziel zu stärken, gegen die Unterdrückung im Namen der Ehre und für das Recht der Mädchen und Frauen auf Menschenrechte und Gleichberechtigung einzutreten.
Präventive Maßnahmen sollten daher konkret weiterentwickelt werden, um patriarchalen Strukturen und patriarchalem Denken grundsätzlich entgegenzutreten. Dazu soll in Hamburg ein Präventionsprojekt nach dem Vorbild des Berliner Projekts „HEROES – gegen Unterdrückung im Namen der Ehre“ eingerichtet werden, das aber auch bereits bestehende Peer Group Ansätze und Vernetzungsstrukturen in Hamburg berücksichtigt.

Nach seiner Einrichtung soll das Projekt innerhalb von zwei Jahren evaluiert werden mit dem Ziel, quantitative Erfolge zu bewerten. Erfahrungen und Methoden aus anderen Bundesländern sollen bei der Ausgestaltung der Evaluation zu Rate gezogen werden.

Vor diesem Hintergrund möge die Bürgerschaft beschließen:
Der Senat wird ersucht,

1. ein präventives Projekt zum Schutz von Mädchen und jungen Frauen nach dem Vorbild des Berliner Projekts HEROES in Hamburg einzurichten, das an bereits bestehende Peer Group Ansätze und Vernetzungsstrukturen in Hamburg anknüpft.
a. Das Projekt soll sich sowohl an Schüler als auch an Jungen und junge Männer in Jugendtreffs richten, aber insbesondere auch an geflüchtete junge Männer. Ziel ist es, patriarchalen Strukturen und patriarchalem Denken entgegenzutreten und eine nachhaltige Aufklärung über Gleichberechtigung und das Selbstbestimmungsrecht von Frauen sicherzustellen.
b. Das Projekt soll über zwei Jahre evaluiert und auf dieser Basis über eine spätere Verstetigung entschieden werden.

2. für die Durchführung des zweijährigen Projektes im Jahr 2016 aus dem Produkt „Zentrale Verstärkung Zuwanderung“ (Produktgruppe 283.01 „Zentrale Ansätze“) im Einzelplan 9.2 der Finanzbehörde 240 Tsd. Euro bei den Kosten für Transferleistungen in der Produktgruppe 255.03 „Integration, Opferschutz, Zivilgesellschaft“ im Einzelplan 4.0 zur Verfügung zu stellen. Die Mittel sollen übertragbar sein.

3. der Bürgerschaft erstmals zum Ende des 1. Quartals 2017 zu berichten.