Förderung von Frauen im Handwerk

Donnerstag, 04.11.2021, Drucksache 22/

Antrag der Abgeordneten Gabriele Dobusch, Juliane Timmermann, Matthias Czech, Hansjörg Schmidt, Astrid Hennies, Gulfam Malik, Markus Schreiber, Vanessa Mohnke, Anja Quast, Arne Platzbecker, Nils Springborn, Philine Sturzenbecher, Julia Barth, Jan Koltze, Alexander Mohrenberg, Clarissa Herbst und Fraktion sowie Zohra Mojadeddi, Maryam Blumenthal, Rosa Domm, Olaf Duge, Mareike Engels, Gerrit Fuß, Dominik Lorenzen, Sonja Lattwesen, Farid Müller, Johannes Müller, Andrea Nunne, Lisa Maria Otte, Dr. Miriam Putz, Dr. Gudrun Schittek, Ulrike Sparr (GRÜNE) und Fraktion

Das Handwerk ist in unserem Alltag überall präsent und unverzichtbar sowie einer der wichtigsten Wirtschaftsfaktoren in Hamburg. Mit rund 15.000 Handwerksbetrieben und über 120.000 Beschäftigten bietet das Hamburger Handwerk für einen prosperierenden Wirtschaftsstandort anspruchsvolle Jobperspektiven mit guten Beschäftigungs- und Aufstiegschancen. Somit ist es auch einer der größten Arbeitgeber der Freien und Hansestadt Hamburg.

Mit knapp 100 Ausbildungsberufen bietet das Hamburger Handwerk viele innovative und abwechslungsreiche Ausbildungs-, Karriere- sowie gesicherte Jobmöglichkeiten vor allem für junge Menschen. Daher verdient es mit Blick auf seine wirtschaftliche, gesellschaftliche und kulturelle Leistung viel Wertschätzung. Insbesondere die Bedeutung des Handwerks für die Wirtschaft und Gesellschaft muss stärker ins öffentliche Bewusstsein gebracht werden, nicht nur für junge Menschen in der Berufsorientierung, sondern auch für die breite Öffentlichkeit und Meinungsbildner*innen, vor allem Eltern und Lehrer*innen.

Rund 40 Prozent der über 325 anerkannten Ausbildungsberufe in Deutschland sind handwerkliche Berufe. Doch als ein großer Wirtschaftsfaktor wird Handwerk oft mit männerdominierten Berufen assoziiert – wer an Handwerk denkt, denkt an Elektroniker, Tischler oder Kraftfahrzeugmechatroniker und seltener an Elektronikerin, Tischlerin oder Kraftfahrzeugmechatronikerin.

Deutschlandweit liegt die Bescha?ftigungssituation von Frauen im Handwerk laut Statistiken des Zentralverbands des Deutschen Handwerks (ZDH) bei 36 Prozent, während der Frauenanteil bei Auszubildenden mit 18, 3 Prozent deutlich geringer ist. Die Zahlen für Hamburg liegen etwas über dem Bundeswert. So wird nur jeder fünfte Handwerksbetrieb von einer Frau geführt und jede vierte Gründung im Handwerk erfolgt durch eine Frau. Nach Angaben der Hamburger Handwerkskammer lag im vergangenen Jahr der Frauenanteil bei Neuverträgen im Hamburger Handwerk bei 21,2 Prozent, während 2019 ein Frauenanteil von 19,2 Prozent und 2018 ein Frauenanteil von 21,7 Prozent verzeichnet wurden. Im vergangenen Jahr lag der Anteil der Frauen an Gesellinnen- und Abschlusspru?fungen bei 22,2 Prozent, der Frauenanteil an den Meister*innenprüfungen lediglich bei 14,4 Prozent.

Während im Lebensmittelhandwerk (z. B. Bäcker*in, Konditor*in), im Gesundheitshandwerk (z. B. Augenoptiker*in, Zahntechniker*in) oder bei personenbezogenen Dienstleistungen, (z. B. Friseur*innen) überwiegend Frauen beschäftigt sind, ist die Beschäftigungssituation von Frauen in Berufen, welche von der Mehrheit aufgrund verfälschter Realität als typische Männerberufe angesehen werden, noch sehr gering. Laut der Definition des Bundesinstitut für Berufsbildung ist von „Männerberufen“ dann die Rede, wenn der Anteil von Männern in einem Beruf bei über 80 Prozent liegt. Demzufolge gelten insbesondere gewerblich-technische Handwerksberufe als sogenannte „Männerberufe“, da der Frauenanteil in diesen Branchen sehr niedrig ist. Diese Tatsache hat wiederum negative Folgen für Frauen, die sich in diesen Berufen befinden. Denn erst wenn ein Drittel der eigenen Peergroup dabei ist, ändert sich die Kultur und das Miteinander in einer Branche.
Der Senat fördert Frauen in Handwerksberufen über Projekte zur Fachkräftegewinnung für das Handwerk. So in der Vergangenheit bspw. durch das ESF Projekt „Integrierte Nachwuchsgewinnung im Handwerk“ (INA) und in der aktuellen Förderperiode bis zunächst Ende 2023 im Rahmen des Projekts „Traumjob Handwerk“ bei der Handwerkskammer. Der Einsatz von Fördermitteln aus dem Europäischen Sozialfonds ist an die Umsetzung gleichstellungspolitischer Zielsetzungen gebunden. Denn gerade in technischen Handwerksberufen sind Frauen immer noch unterrepräsentiert. Mit Angeboten für Schülerinnen setzt das Projekt „Traumjob Handwerk“ zu einem frühen Zeitpunkt bei der Perspektiverweiterung an. Gerade auch in den Innovationsbereichen der erneuerbaren Energien und der Energieeffizienz. Auch die gezielte Ansprache von Gesellinnen wird fortgesetzt. Hamburger Handwerkerinnen erhalten durch Beratung und Begleitung eine bessere Orientierung zu den Vorteilen von Aufstiegsqualifizierungen und konkrete Umsetzungsstrategien. Mit den vom Europäischen Sozialfonds (ESF) in Hamburg geförderten Projekten INA und „Traumjob Handwerk“ setzt der Senat wichtige Akzente für die Gleichstellungspolitik und die Fachkräftegewinnung (vgl. dazu ausführlicher auch zuletzt Drs. 21/13304).

Auch im Rahmen der „Berufsorientierung“ in der Sekundarstufe I und II werden Schüler*innen gezielt auf den Übergang von der Schule in Beruf oder Studium vorbereitet. Dabei werden immer auch geschlechtsspezifische Berufswahlentscheidungen thematisiert und auf die Chancen für junge Frauen in sogenannten „typischen Männerberufen“ hingewiesen. Im Rahmen der dualisierten Praxisklassen können sich die Jugendlichen in betrieblichen Praktikumsphasen erfahrungsbasiert beruflich orientieren. Praktikumsstellen im handwerklichen Bereich eröffnen hier die Chance u. a. für Mädchen, sich später für Handwerksberufe entscheiden zu können. Alle Bildungsangebote des Hamburger Instituts für Berufliche Bildung stehen grundsätzlich allen Interessierten offen. Es wer-den jedoch gerade auch junge Frauen für Handwerksberufe motiviert.
Darüber hinaus wurde im Rahmen des Fachkräftenetzwerkes Hamburg eine Arbeitsgruppe ins Leben gerufen, die sich mit dem Thema Frauen im Handwerk beschäftigt. Auch das Gleichstellungspolitische Rahmenprogramm 2017-2019 (Drs. 21/11341) weist darauf hin, dass die Erhöhung der Erwerbsbeteiligung von Frauen elementar ist, um den steigenden Fachkräftebedarf zu decken. Dieses Ziel findet sich außerdem in der Hamburger Fachkräftestrategie wieder.
Trotz vieler Bemühungen seitens des Senats, Schulen, Kammer und Innungen nimmt die Intensität des sich verschärfenden Fachkräfteengpasses jedoch zu, vor allem in den handwerklichen Berufen. Der Erfolg bei der Bekämpfung der Klimakrise und ihrer Folgen ist essentiell abhängig vom Gelingen einer Energiewende. Deshalb braucht es insbesondere hier dringend einen Aufwuchs an Fachkräften, auch und gerade durch Frauen. Der Fokus muss sich auf das gesamtgesellschaftliche und wirtschaftliche Ziel richten, auch zukünftig attraktive Ausbildungsberufe im Handwerk anzubieten. Außerdem ziehen immer mehr junge Menschen ein Hochschulstudium einer dualen Ausbildung vor. Dies erschwert vielen Handwerker*innen, qualifizierten Nachwuchs sowie Nachfolger*innen für den eigenen Betrieb zu finden. Dies kann aber gerade für Frauen zu einer großen Chance werden. Frauen sollten sich in Berufen entfalten, die ihren Interessen und Fähigkeiten entsprechen und nicht auf Grund einer falsch verstandenen „Geschlechterrolle“ ihre Karriere gestalten. Es muss ein Umdenken seitens der Öffentlichkeit erreicht werden. Frauen in jedem Handwerksberuf müssen als Normalität angesehen werden.

Um dies zu ermöglichen, sollten u. a. weibliche Vorbilder sowie Frauen-Netzwerke weiterhin gefördert werden, die andere Frauen ermutigen, ungewöhnliche Wege im Handwerk zu gehen. Darüber hinaus sollten auch Sexismus und Klischeevorstellungen abgebaut sowie die Vereinbarkeit von Familie und Beruf besser ermöglicht werden.

Um die Fachkräfteengpa?sse und Nachfolgeprobleme weiter zu verringern und die Zukunftsfähigkeit des Hamburger Handwerk nachhaltig zu sichern, muss die Hamburger Politik in Zusammenarbeit mit der Handwerkskammer und den Handwerksbetrieben einerseits das Handwerk insbesondere fu?r weibliche Auszubildende und Studienabbrecher*innen nach wie vor attraktiver machen und andererseits sollen Betriebe bestärkt werden, junge Frauen in klassischen Männerberufen auszubilden und zu beschäftigen.

Die Bürgerschaft möge beschließen:
Der Senat wird ersucht,
1. gemeinsam mit der Arbeitsgemeinschaft (AG) Frauen im Handwerk des Hamburger Fachkräftenetzwerkes und den maßgeblichen Akteur*innen in diesem Handlungsfeld unter der Federführung der Handwerkskammer zu prüfen, ob und wie die bereits vorhandenen Programme und Angebote inhaltlich erweitert und ggf. ergänzt werden können, um den Frauenanteil in allen Handwerksberufen, insbesondere in gewerblich-technischen Berufen, die zur Umsetzung der Energiewende notwendig sind, weiterhin gezielt zu erhöhen;
2. gemeinsam mit der AG Frauen im Handwerk des Hamburger Fachkräftenetzwerkes und den maßgeblichen Akteur*innen in diesem Handlungsfeld unter der Federführung der Handwerkskammer zu prüfen, inwiefern die bestehenden Maßnahmen und Angebote zur Förderung von Frauen im Handwerk in den Bereichen Berufsorientierung, Aus- und Weiterbildung, Aufstiegsförderung sowie Gründung und Betriebsübernahme inhaltlich erweitert und ggf. ergänzt werden können;
3. gemeinsam mit der AG Frauen im Handwerk des Hamburger Fachkräftenetzwerkes und den maßgeblichen Akteur*innen in diesem Handlungsfeld unter der Federführung der Handwerkskammer zu prüfen, ob und wie eine breit gefächerte Öffentlichkeitsarbeit an Schulen sowie Social Media eingesetzt und Plattformen angeboten werden können, bei denen Frauen, die bereits im Handwerk tätig sind, als Rollenvorbilder wirken können;
4. die Rahmenbedingungen für weibliche Auszubildende zu verbessern und die Attraktivität einer Ausbildung für Frauen im Handwerk weiterhin zu verstärken, insbesondere auch durch Mobilisierung für Handwerksberufe in Schulen, indem allen Schülerinnen an allen Schulformen frühzeitig Informationen über Berufsmöglichkeiten im Handwerk angeboten werden;
5. gemeinsam mit der Handwerkskammer und der Agentur für Arbeit nach Möglichkeiten zu suchen, Studienaussteigerinnen schnellstmöglich Ausbildungsangebote im Handwerk anzubieten sowie Ausbildungsabbrecherinnen über alternative Berufsfelder zu informieren;
6. bei der Fortschreibung des Gleichstellungspolitischen Rahmenprogramms Sorge dafür zu tragen, dass auch dort die Förderung von Frauen in handwerklichen Berufen verankert und mit Maßnahmen hinterlegt wird;
7. der Bürgerschaft bis 30.06.2022 zu berichten.



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