Digitale Beteiligung für möglichst viele Menschen zugänglich machen: DIPAS barrierefrei, verständlich und zielgruppengerecht weiterentwickeln
Mittwoch, 30.09.2026
Bürger:innenbeteiligung ist ein wichtiger Bestandteil einer transparenten und dialogorientierten Stadtentwicklung. Gerade informelle Beteiligungsverfahren schaffen zusätzliche Möglichkeiten, Wissen, Erfahrungen und Perspektiven aus der Stadtgesellschaft frühzeitig in Planungen einzubeziehen. Digitale Angebote können dabei die Reichweite von Beteiligung erhöhen und Menschen eine Mitwirkung unabhängig von Ort und Zeit ermöglichen.
Mit dem in Hamburg entwickelten Digitalen Partizipationssystem (DIPAS) verfügt die Freie und Hansestadt Hamburg über ein bundesweit beachtetes Instrument für digitale Bürger:innenbeteiligung. DIPAS verbindet Online- und Vor-Ort-Beteiligung, ermöglicht die Einbindung von Karten, Luftbildern, 3D-Modellen und weiteren Geodaten und kann für unterschiedlichste Planungsverfahren eingesetzt werden. Das System wurde in Hamburg entwickelt, ist Open Source und hat sich inzwischen in mehr als 150 Verfahren bewährt. Seit 2026 können über DIPAS eingereichte Beiträge zudem standardisiert unter einer Open-Data-Lizenz veröffentlicht werden.
DIPAS ergänzt die gesetzlich vorgeschriebenen Beteiligungsformate und schafft damit zusätzliche Möglichkeiten, sich an der Entwicklung der Stadt zu beteiligen. Die kontinuierliche Weiterentwicklung des Systems ist deshalb ebenso wichtig wie die Frage, wie Beteiligungsangebote möglichst niedrigschwellig, verständlich und für unterschiedliche Bevölkerungsgruppen erreichbar gestaltet werden können.
Dazu gehört auch die sprachliche Zugänglichkeit. Zugleich müssen unterschiedliche Anforderungen und Instrumente differenziert betrachtet werden. Die gesetzlichen Vorgaben zur digitalen Barrierefreiheit umfassen insbesondere die technische Zugänglichkeit, Wahrnehmbarkeit, Bedienbarkeit und Verständlichkeit digitaler Angebote. Eine allgemeine Verpflichtung, sämtliche Inhalte informeller Beteiligungsverfahren zusätzlich in englischer Sprache oder anderen fremdsprachigen Fassungen vorzuhalten, besteht dagegen nicht. Angebote in Leichter Sprache und Deutscher Gebärdensprache sind hiervon ebenfalls zu unterscheiden und müssen entsprechend der geltenden Anforderungen weiterentwickelt werden.
Hamburg arbeitet bereits kontinuierlich an der niedrigschwelligen Zugänglichkeit digitaler Systeme. So wird auch die digitale Barrierefreiheit von DIPAS regelmäßig überprüft und das System wurde in der Vergangenheit bereits gezielt mit Blick auf die Nutzung etwa durch Screenreader, die Bedienung ohne Maus und eine bessere visuelle Wahrnehmbarkeit weiterentwickelt.
Auch die Möglichkeiten einer unmittelbar in DIPAS integrierten Mehrsprachigkeit wurden durch die Stadt geprüft. Stadtwerkstatt und Landesbetrieb Geoinformation und Vermessung haben sich bereits Ende 2024 mit einer entsprechenden technischen Erweiterung befasst. Dabei wurde deutlich, dass eine native Mehrsprachigkeit technisch grundsätzlich möglich wäre, zugleich aber erhebliche Entwicklungs-, Übersetzungs-, Qualitätssicherungs- und dauerhafte Pflegeaufwände verursachen würde.
Insbesondere eine vollständige redaktionelle Mehrsprachigkeit würde nicht bei einer einmaligen technischen Anpassung enden. Änderungen an Verfahrensinhalten müssten dauerhaft in mehreren Sprachfassungen nachvollzogen, geprüft und aktuell gehalten werden. Der damit verbundene Aufwand entstünde vor allem bei den jeweils verantwortlichen Bezirksämtern, Fachbehörden und weiteren Dienststellen. Gleichzeitig sind informelle Beteiligungsverfahren ein freiwilliges zusätzliches Angebot. Deshalb ist darauf zu achten, dass zusätzliche Anforderungen nicht zu einer so hohen Durchführungsschwelle führen, dass insgesamt weniger Beteiligungsmöglichkeiten angeboten werden können.
Hinzu kommt, dass die sprachliche Gestaltung der digitalen Oberfläche allein nicht darüber entscheidet, ob bislang schwer erreichbare Gruppen tatsächlich erreicht werden. Die Erfahrungen mit Beteiligungsverfahren zeigen vielmehr, dass zielgruppengerechte Kommunikation und Aktivierung entscheidend sind. DIPAS-Verfahren werden daher regelmäßig mit weiteren Beteiligungs- und Kommunikationsformaten verbunden. Dazu gehören beispielsweise Veranstaltungen, Pressearbeit, Plakate, Mailings, Newsletter, Flyer oder soziale Medien. Der Senat weist zu Recht darauf hin, dass allein das Bereitstellen eines Beteiligungsangebots noch keine Teilnahme sicherstellt und insbesondere bei der Erstansprache mehrsprachige Materialien sinnvoll sein können.
Gleichzeitig haben sich die technischen Möglichkeiten für eine niedrigschwellige Übersetzung deutlich weiterentwickelt. Aktuelle Browser ermöglichen die automatische Übersetzung ganzer DIPAS-Seiten in zahlreiche Sprachen. Auf diese Möglichkeit wird inzwischen direkt innerhalb von DIPAS hingewiesen; entsprechende Informationen sind auch für die Durchführung von Beteiligungsverfahren verfügbar. Damit kann bereits heute ein großer Teil der Verfahrensinhalte ohne zusätzliche redaktionelle Prozesse in unterschiedlichen Sprachen erschlossen werden. Dieses gilt es weiterzuverfolgen.
Entscheidend ist deshalb ein Zusammenspiel verschiedener Maßnahmen: eine konsequente Weiterentwicklung der digitalen Barrierefreiheit, verständliche und bürgernahe Sprache, leicht zugängliche Übersetzungsmöglichkeiten sowie dort, wo es für die jeweilige Zielgruppe sinnvoll ist, gezielte mehrsprachige Kommunikation und qualitätsgesicherte Übersetzungen. Besonders wichtig bleiben persönliche Ansprache, geeignete Multiplikator:innen und Beteiligungsformate, die sich an den jeweiligen Zielgruppen eines Verfahrens orientieren.
Eine solche Strategie stärkt die Zugänglichkeit von DIPAS, ohne den Aufwand für informelle Beteiligungsverfahren unverhältnismäßig zu erhöhen. Ziel muss es sein, mehr Menschen zu erreichen und zugleich möglichst viele gute Beteiligungsangebote zu ermöglichen.
Die Bürgerschaft möge beschließen:
Der Senat wird ersucht,
1. DIPAS als zentrales digitales Instrument der informellen Bürger:innenbeteiligung in Hamburg kontinuierlich weiterzuentwickeln und dabei insbesondere die Barrierefreiheit, Verständlichkeit und niedrigschwellige Nutzbarkeit weiter zu verbessern,
2. die Ansprache von Multiplikator:innenorganisationen wie dem Integrationsbeirat, den Beiräten in den Bezirken (insbesondere Inklusion und Integration) sowie der Landesarbeitsgemeinschaft für behinderte Menschen das Tool vorzustellen und anlassbezogen diese in Beteiligungsformate regelhaft bei Bedarf einzubeziehen,
3. die Umsetzung der Anforderungen und Angebote in Leichter Sprache und Deutscher Gebärdensprache weiter voranzutreiben und die bereits eingeleiteten Maßnahmen, insbesondere entsprechende Basisinformationen zur Nutzung, Navigation und Barrierefreiheit von DIPAS, abzuschließen,
4. die Nutzung browserintegrierter Übersetzungsfunktionen für DIPAS möglichst niedrigschwellig zugänglich zu machen, die bereits aufgenommenen Hinweise im DIPAS-Frontend fortzuführen und entsprechende Informationen weiterhin in den Schulungs- und Unterstützungsangeboten für die durchführenden Dienststellen zu verankern,
5. die Bezirksämter, Fachbehörden und weiteren verfahrensverantwortlichen Stellen weiterhin dabei zu unterstützen, Beteiligungsverfahren von Beginn an zielgruppengerecht zu konzipieren und dabei insbesondere zu prüfen, welche Bevölkerungsgruppen mit einem jeweiligen Verfahren erreicht werden sollen und über welche Kommunikationswege dies gut gelingen kann,
6. den zuständigen Dienststellen praxisorientierte Empfehlungen für sprachlich zugängliche Beteiligungsverfahren zur Verfügung zu stellen, die insbesondere den Einsatz von einfacher beziehungsweise verständlicher Sprache, browserbasierten Übersetzungsmöglichkeiten, bedarfsgerechten qualitätsgesicherten Übersetzungen und zielgruppenspezifischer Ansprache berücksichtigen.
- Mithat Çapar
- Kemir Čolić
- Matthias Czech
- Nils Hansen
- Jessica Hennig
- Dirk Kienscherf
- Martina Koeppen (Fachsprecher:in Stadtentwicklung)
- Milan Pein
- Arne Platzbecker
- Hansjörg Schmidt
- Sören Schumacher
- Tim Stoberock (Fachsprecher:in Digitalisierung und Datenschutz)
- Sarah Timmann
- Isabella Vértes-Schütter
- Michael Weinreich
sowie
- Lisa Kern
- Eva Botzenhart
- Miriam Block
- Rosa Domm
- Mareike Engels
- Alske Freter
- Michael Gwosdz
- Sina Imhof
- Jennifer Jasberg
- Parica Partoshoar
- Dennis Paustian-Döscher
- Dr. Selina Storm
- Kathrin Warnecke
- Lena Zagst (GRÜNE) und Fraktion
- Digitalisierung und Datenschutz