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Unvermeidbares CO? clever managen – Hamburgs Strategie für Carbon Management

Mittwoch, 26.11.2025

Die Transformation hin zu einer klimaneutralen Industrie ist eine der zentralen Herausforderungen der kommenden Jahre – auch in Hamburg. Neben Energieeffizienz, Elektrifizierung und der Nutzung erneuerbarer Energien braucht es neben natürlichen auch technologische Lösungen, um sogenannte „unvermeidbare Restemissionen“ etwa aus der Zement-, Kalk- und Abfallwirtschaft zu binden oder im Idealfall sogar nutzbar zu machen. Unvermeidbare Restemissionen sollten vorrangig durch natürliche CO2-Senken ausgeglichen werden. Dafür eignen sich Wälder, Moore und Seegraswiesen. Sie müssen erhalten und ausgebaut werden. Dadurch werden häufig gleich weitere positive Effekte erzielt, wie z. B. Klimaanpassung, Gewässerschutz, Biodiversität, Naherholung.

Als zusätzliche Option sind neben natürlichen allerdings auch technologische Optionen unabdingbar und müssen daher früh strategisch erschlossen werden. Hier setzt Carbon-Management an. Dies umfasst die Abscheidung von CO? und anschließend entweder die stoffliche Nutzung des Kohlenstoffs (Carbon Capture and Utilization (CCU)) oder die unterirdische Speicherung von CO? (Carbon Capture and Storage (CCS)).

Beim CCU kann das abgeschiedene CO? in Kombination mit grünem Wasserstoff in synthetischen Kraftstoffen (Power-to-Liquid), Chemikalien oder Baustoffen verwertet und damit noch einmal kurz- oder längerfristig gebunden werden. Die Nutzung von CO? als Rohstoff kann andere fossile Quellen ersetzen und so den CO?-Ausstoß reduzieren beziehungsweise zeitlich verzögern. Dies kann zur Dekarbonisierung industrieller Wertschöpfungsquellen beitragen und dabei neue wirtschaftliche Perspektiven eröffnen.

Gleichzeitig zeigt sich: Die Abscheidung von CO2 ist kein Selbstläufer, sondern mit erheblichem Energieeinsatz verbunden. Nur wenn diese Energie aus erneuerbaren Quellen stammt, kann CCU tatsächlich einen Beitrag zum Klimaschutz leisten. Auch ist CCU nicht in allen Bereichen die effizienteste Lösung. So benötigen beispielsweise synthetische Kraftstoffe deutlich mehr Energie als die direkte Nutzung von Strom etwa in der E-Mobilität. Der Einsatz von CCU muss daher gezielt dort erfolgen, wo keine anderen, klimafreundlicheren Optionen bestehen.

Im Rahmen eines integrierten Carbon Managements gilt es daher, alle verfügbaren Optionen – von der CO?-Vermeidung über die Nutzung bis hin zur sicheren Speicherung – in einer abgestimmten Gesamtstrategie zu betrachten und gezielt dort einzusetzen, wo sie den größten Klimanutzen entfalten können.

Für Hamburg ist dabei klar zwischen energiebedingten und prozessbedingten Emissionen zu unterscheiden. Energiebedingte Emissionen entstehen durch den Einsatz fossiler Energieträger – etwa Erdgas oder Kohle – und können technisch durch klimaneutrale Energieträger wie grünen Wasserstoff ersetzt werden. Für diese Emissionen kommt daher weder CCS noch CCU in Betracht. Prozessbedingte Emissionen hingegen entstehen unmittelbar durch chemische Reaktionen im Produktionsprozess und sind teilweise unvermeidbar.

Relevante Sektoren in Hamburg sind insbesondere die Abfall- und Kreislaufwirtschaft (z. B. die Müllverwertungsanlage Rugenberger Damm), die Chemieindustrie sowie große energieintensive Grundstoffbetriebe wie die Kupferproduktion, die Aluminiumverarbeitung oder die Stahlherstellung. Während in diesen Branchen erhebliche energiebedingte Emissionen anfallen, die durch den Einsatz erneuerbarer Energien reduziert werden können, entstehen zugleich prozessbedingte Emissionen, bei denen Carbon-Management Potenzial zur Minderung oder Nutzung der Emissionen bietet.

Neben CCU kann perspektivisch auch eine CO?-Speicherung (CCS) eine Rolle spielen, bei der das CO? auch längerfristig gebunden bleibt. Gleichzeitig geht diese geologische CO?-Speicherung noch mit ungeklärten Fragen hinsichtlich Umweltverträglichkeit, potenzieller Leckagerisiken, langfristiger Verantwortung und gesellschaftlicher Akzeptanz einher. CCU wiederum bietet die Möglichkeit, abgeschiedenes CO? in sichtbare und wirtschaftlich verwertbare Stoffkreisläufe zu integrieren, sodass CO? als Rohstoff dienen und neue Ansätze für klimafreundliche Industrieprozesse eröffnen kann. CCU jedoch geht mit dem Nachteil einher, dass das CO? nur für einen begrenzten Zeitraum gebunden bleibt.

All dies macht deutlich: Damit das Potenzial von Carbon-Management-Technologien in Hamburg im Sinne des Klimaschutzes gehoben werden kann, braucht es eine klare strategische Ausrichtung. Es gilt, bestehende Initiativen zu bündeln, Forschung und Industrie zu vernetzen und belastbare Kriterien für Einsatzbereiche, Klimanutzen und Energieeffizienz zu entwickeln. Gerade auch die Risiken und Herausforderungen des Carbon-Management müssen sorgfältig geprüft und ernst genommen werden. Nur so lässt sich sicherstellen, dass Hamburg mit einem integrierten Carbon-Management einen echten Beitrag zur Klimaneutralität leisten kann. Hamburg verfügt mit seiner vielfältigen Forschungslandschaft (u.?a. die Technische Universität Hamburg, die Hochschule für Angewandte Wissenschaften, das Competence Center für Erneuerbare Energien und EnergieEffizienz), der bestehenden industriellen Basis und der hafenbasierten Infrastruktur über besonders geeignete Voraussetzungen für die Entwicklung und Erprobung solcher Technologien. Ziel ist es daher, Perspektiven für eine systematische Integration von Carbon-Management-Lösungen in Wirtschaft und Forschung zu entwickeln – auf Basis klarer Nachhaltigkeitskriterien. Der Fokus liegt dabei auf einer verantwortungsvollen Abwägung von Klimanutzen, Ressourceneinsatz und gesellschaftlicher Akzeptanz.

Wichtig ist dabei auch die Auswahl geeigneter Partnerbranchen für die CO?-Nutzung. Potenzielle Abnehmer von abgeschiedenem CO? sind in der Regel nicht in der energieintensiven Grundstoffindustrie zu finden, sondern vor allem in den Raffinerien und der chemischen Industrie. Pilotprojekte können daher insbesondere dort sinnvoll umgesetzt werden, wo CO?-Abscheidung und CO?-Nutzung in direkter Partnerschaft zusammenkommen – etwa zwischen der Stadtreinigung Hamburg (SRH) als CO?-Abscheiderin und einem Chemie- oder Raffinerieunternehmen als Nutzer des CO?. Ein entsprechendes Projekt existiert bereits zwischen der SRH und dem Start-up Colipi, das CO? für biotechnologische Verfahren nutzt. Solche Vorhaben können als Vorbild für weitere Kooperationen dienen und Hamburgs Rolle als Innovationsstandort für ganzheitliche Carbon-Management-Technologien stärken.

Die Bürgerschaft möge beschließen:

Der Senat wird ersucht,

1. eine umfassende Carbon-Management-Strategie für Hamburg zu entwickeln, die die gesamte Wertschöpfungskette von der CO?-Abscheidung über die stoffliche Nutzung (CCU) bis hin zu möglichen Speicheroptionen (CCS) berücksichtigt und konkrete Pilot- und Demonstrationsprojekte – etwa in Kooperation zwischen einem städtischen und einem privatwirtschaftlichen Partner – vorsieht;

a. dabei zu prüfen, welche bundes- und EU-rechtlichen Rahmenbedingungen für den Einsatz von CCU und CCS geschaffen werden müssten,

b. dabei zu prüfen, in welchen Hamburger Industriezweigen ein CCU- oder CCS-Einsatz sinnvoll und technisch sowie wirtschaftlich machbar ist;

2. zu prüfen, ob und wie Förderinstrumente (z.B. die Investitions- und Förderbank Hamburg, Bundesprogramme, EU-Förderung) für CCU- und CCS-Technologien mobilisiert oder entwickelt werden können;

3. der Bürgerschaft bis zum 31.12.2026 zu berichten.

 

sowie
  • Rosa Domm
  • Leon Alam
  • Miriam Block
  • Eva Botzenhart
  • Simone Dornia
  • Dominik Lorenzen
  • Melanie Nerlich
  • Lisa Maria Otte (GRÜNE) und Fraktion