Erweiterung des Hamburger Hauptbahnhofs – Mit einem Dialogverfahren ‚Städtebau und Freiraum‘ die Weichen für die Zukunft stellen

Mittwoch, 13.01.2021, Drucksache 22/

Antrag der Abgeordneten Dirk Kienscherf, Ole Thorben Buschhüter, Gabriele Dobusch, Martina Koeppen, Christel Oldenburg, Matthias Czech, Lars Pochnicht, Frank Schmitt, Ali Simsek, Michael Weinreich, Dagmar Wiedemann, Sabine Jansen, Julia Barth, Ralf Neubauer, Clarissa Herbst und Fraktion sowie der Abgeordneten Gerrit Fuß, Olaf Duge, Rosa Domm, René Gögge, Dominik Lorenzen, Zohra Mojadeddi, Farid Müller, Johannes Müller, Andrea Nunne, Lisa Maria Otte, Miriam Putz, Gudrun Schittek, Ulrike Sparr, Yusuf Uzundag, (GRÜNE) und Fraktion

Der Hamburger Hauptbahnhof der Deutschen Bahn AG liegt im Herzen Hamburgs: Hier kommen Hamburg und die Welt zusammen. Täglich passieren ihn über 800 Züge des Fern- und Nahverkehrs und rund 1.200 S-Bahnen. Mit über 500.000 Reisenden und Passantinnen und Passanten ist der Hamburger Hauptbahnhof der meistfrequentierte Bahnhof Deutschlands. Doch bereits seit seiner Eröffnung 1906 ist der Hauptbahnhof mehr als nur Umschlagplatz für Reisende. Zwischen Altstadt, Alster, St. Georg und dem Münzviertel gelegen, befindet sich der denkmalgeschützte Hauptbahnhof an der Schnittstelle zwischen einigen der meistfrequentierten und beliebtesten Orten der Stadt. Zudem liegt der Hauptbahnhof auf der sogenannten Kunstmeile zwischen Kunsthalle und Deichtorhallen und wird von vielfältigen Wegeverbindungen durchkreuzt und tangiert. Zur Umsetzung des Hamburg-Takts und des Deutschland-Takts bedarf es einer Erweiterung des Hamburger Hauptbahnhofs und der Sicherung seiner Funktionsfähigkeit für die kommenden Jahrzehnte. Für ein lebenswertes Hamburg muss dieser zentrale Ort grundlegend neugestaltet werden.
Die Deutsche Bahn AG und die Stadt Hamburg befinden sich bereits seit längerem in der Planung von Maßnahmen, um stark überlastete Bereiche des Hauptbahnhofs zu entlasten und die Funktionsfähigkeit des Hauptbahnhofs langfristig sicherzustellen. Zur Prüfung möglicher Erweiterungen des Hauptbahnhofs wurde eine Konzeptstudie erarbeitet, ebenso wurde ein Konzeptplan für eine Neuordnung der Verkehrsführung im Umfeld des Hauptbahnhofs erstellt. Ein internationaler Wettbewerb für die Erweiterung des Hauptbahnhofs und die Entwicklung seines Umfelds befindet sich in der Vorbereitung. Kurzfristig sollen über die Steintorbrücke zusätzliche Zugänge zu den Bahnsteigen geschaffen werden, um den Südsteg zu entlasten.
Als Leitlinie für die künftige Entwicklung des Hauptbahnhofs und seines Umfelds soll mit Hilfe des anstehenden Realisierungswettbewerbs ein Masterplan aufgestellt werden. Bei der Erweiterung des Hauptbahnhofs ist es Ziel, diesen nicht nur zu einem leistungsstarken Verkehrsknoten für eine zukunftssichere, klimagerechte Mobilität auszubauen, sondern auch die identitätsstiftende Eigenschaft des Hamburger Hauptbahnhofs zu stärken. Dabei soll seine stadtbildprägende Wirkung weiterhin zur Geltung kommen und die Funktion als zentraler Treffpunkt sowie Ankunftsort in der Stadt ausgebaut werden. Hierzu bedarf es einer massiven Steigerung der Aufenthaltsqualität und eines mutigen, gestalterisch hochwertigen Entwurfs für die Erweiterungsbauten des Hauptbahnhofs und die Gestaltung seines städtebaulichen Umfelds.

Bei der Ausgestaltung der Architektur sowie des städtebaulichen Umfelds des Hauptbahnhofs ist die Verkehrsführung zentral. Insbesondere die Erweiterung des Hauptbahnhofs Richtung Süden bringt die Notwendigkeit der Umplanung des Verkehrs über die Steintorbrücke mit sich. Insgesamt soll eine gute Erreichbarkeit des Hauptbahnhofs, mit Priorisierung des Umweltverbunds, sichergestellt werden. In diesem Zusammenhang ist insbesondere die Planung von ausreichend Stellplätzen für den Radverkehr unerlässlich. Geeignete Flächen für Taxen und Sharing-Angebote sind zu berücksichtigen. Für den Fußverkehr sollte eine maximal mögliche Flächenzuteilung im und rund um den Hauptbahnhof erarbeitet werden, um auch den Prognosen für die zukünftigen Verkehrsströme gerecht zu werden. Mit einem Masterplan, der all diese Aspekte berücksichtigt, wird so eine Grundlage und Leitlinien für alle kommenden Einzelmaßnahmen geschaffen.
Der Hauptbahnhof ist ein Ort, der durch die Vielfalt seiner Nutzerinnengruppen geprägt ist und ein diverses Umfeld hat. Hieraus entspringen diverse Bedürfnisse an das Gebäude und sein Umfeld, welche in das Wettbewerbsverfahren einfließen müssen. Inwieweit ein sozial verträgliches Nebeneinander in diesem prominenten (halb-)öffentlichen Raum gelingt, ist sowohl von physischen Faktoren wie zum Beispiel Infrastruktur und Lichtgestaltung als auch von sozialen Faktoren wie der Anwesenheit bzw. Versorgung von marginalisierten Gruppen und individuellen Faktoren wie dem eigenen Sicherheitsempfinden abhängig. Um das Wettbewerbsziel zu erreichen, mit der Erweiterung des Hauptbahnhofs sichere, übersichtliche und komfortable Wege und Aufenthaltsbereiche zu schaffen und Nutzungskonflikte zu minimieren, müssen insbesondere die Belange von Frauen und mobilitätseingeschränkten Personen beachtet werden. Es gilt daher, parallel zum Wettbewerb mit einem Dialogverfahren ‚Städtebau und Freiraum‘ auch die Öffentlichkeit und relevante Stakeholderinnen und Stakeholder miteinzubeziehen, um den Wissenshorizont aller Beteiligten in Bezug auf fachspezifische bahnhofsrelevante Themen zu erweitern. Die Ergebnisse hieraus sollen der Wettbewerbsjury vorgestellt werden. Die Einbeziehung der Öffentlichkeit und vielfältiger Stakeholderinnen und Stakeholder soll dazu beitragen, Wettbewerbsergebnisse zu erlangen, die den Hamburger Hauptbahnhof zu einem attraktiven, leistungsstarken und identitätsstiftenden Dreh- und Angelpunkt im Zentrum Hamburgs verwandelt.

Die Bürgerschaft möge beschließen:
1. Die Bürgerschaft begrüßt die Planungen des Senats und der Deutschen Bahn AG als Mitwirkende, einen städtebaulich-freiraumplanerischen Realisierungswettbewerbs für die Erweiterung des Hamburger Hauptbahnhofs und die Entwicklung seines Umfelds durchzuführen.

2. Die Bürgerschaft ersucht den Senat,
a. parallel zum städtebaulich-freiraumplanerischen Realisierungswettbewerb ein Dialogverfahren ‚Städtebau und Freiraum‘, das folgende Formate beinhaltet, durchzuführen:
i. Durchführung einer öffentlichen Informations- und Diskussionsveranstaltung vor der ersten Phase des Wettbewerbs und Vorstellung der Ergebnisse der Informations- und Diskussionsveranstaltung den Wettbewerbsteilnehmerinnen und -teilnehmern zu Beginn des Entwurfsprozesses,
ii. Einbeziehung relevanter Stakeholderinnen und Stakeholder (insb. Mobilität und Verkehr, Stadtentwicklung, Denkmalschutz, Stadtgrün, Soziales, Sicherheit, Belange von Frauen, Barrierefreiheit) vor der ersten Phase des Wettbewerbs und bedarfsorientierte Einbindung in der Bearbeitungsphase,
iii. öffentliche Präsentation und Diskussion der Wettbewerbsbeiträge der ersten Phase des Wettbewerbs vor der Preisgerichtssitzung und Präsentation der Ergebnisse vor dem Preisgericht,
iv. öffentliche Präsentation und Diskussion der Wettbewerbsbeiträge der zweiten Phase des Wettbewerbs vor der finalen Preisgerichtssitzung und Präsentation der Ergebnisse vor dem Preisgericht.

b. die Stadtwerkstatt in die Konzeption des öffentlichen Beteiligungsverfahrens einzubeziehen,
c. den Verkehrsausschuss und den Stadtentwicklungsausschuss über die Auslobung des Wettbewerbs zu informieren,
d. der Bürgerschaft im 1. Quartal 2022 Bericht zu erstatten.
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