Kultursensible Pflege von alten Menschen mit Migrationshintergrund

Donnerstag, 15.01.2015, Drucksache 20/

Antrag der Abgeordneten Monika Schaal, Martin Schäfer, Jenspeter Rosenfeldt, Karin Timmermann, Kazim Abaci, Gert Kekstadt, Doris Müller, Isabella Vértes-Schütter, Sylvia Wowretzko, Loretana de Libero und Fraktion

In Hamburg lebten Ende 2010 lt. Auskunft des Statistikamts Nord 515.000 Menschen mit Migrationshintergrund. Diese Hamburgerinnen und Hamburger mit Migrationshintergrund kommen aus fast allen Teilen der Welt und haben entsprechend unterschiedliche kulturelle Hintergründe. Viele von ihnen haben inzwischen das Rentenalter erreicht, und die Zahl der pflegebedürftigen Menschen unter ihnen wird zunehmen. Leider liegen keine genauen Zahlen vor, da mit der Pflegestatistik nach § 109 SGB XI keine Daten über den Migrationshintergrund von pflegebedürftigen Menschen erhoben werden.
In der Rahmenplanung der pflegerischen Versorgungsstruktur wurde vor diesem Hintergrund eine Schätzung vorgenommen, wonach es im Jahr 2005 knapp 2.900 pflegebedürftige Menschen im Alter von 55 und mehr Jahren mit Migrationshintergrund in Hamburg gab. Im Jahr 2015 werden es vermutlich rund 4.500 sein. Pflegedienste und Seniorenheime stehen daher vor neuen Herausforderungen. Interkulturelle Kompetenz und türkische, russische und andere Sprachkenntnisse werden immer wichtiger angesichts von Patienten, die z.B. im Falle von Demenz mitunter in ihre Kindheit zurückfallen und nur noch ihre Herkunftssprache sprechen können.
In Hamburg beschäftigen 81 ambulante Dienste fremdsprachige Pflegeteams. Die stationäre Pflegeeinrichtung „Tabea – Leben bei Freunden“ in Lurup macht türkischstämmigen Hamburgerinnen und Hamburgern ein rein türkisches Wohngruppenangebot mit 14 Plätzen. Dieses Projekt berücksichtigt die türkische Kultur und muslimische Religion.
Aus der pflegerischen Praxis ist bekannt, dass pflegebedürftige Menschen mit bestimmten kulturellen Hintergründen Angebote der stationären Pflege nur selten nutzen. Die Pflege wird weitgehend von den Familien gleistet und zum Teil von ambulanten Diensten unterstützt. In Berlin-Kreuzberg ist vermutlich aus diesen Gründen das gemeinsame Angebot der Marseille-Kliniken AG und der Türkischen Gemeinde Berlin gescheitert, ein Seniorenheim ausschließlich für türkischstämmige pflegebedürftige Migranten anzubieten. Die Nachfrage nach diesen Plätzen war zu gering.
Für Hamburg hat das Haus Veringeck eine Pilotfunktion inne. Im Rahmen der Internationalen Bauausstellung IBA Hamburg wurde das Haus Veringeck mit einer Wohngemeinschaft mit zehn Plätzen für Menschen mit Demenz mit türkischem Migrationshintergrund sowie einer Tagespflege und 18 Wohnungen im Servicewohnen für Menschen mit und ohne Migrationshintergrund eingerichtet. Inzwischen sind die Wohnungen und die Wohngemeinschaftsplätze vollständig vermietet. In den Servicewohnungen leben pflegebedürftige und behinderte Menschen (deutscher, türkischer, portugiesischer und italienischer Staatsangehörigkeit). In der Demenz-Wohngemeinschaft leben ausschließlich Pflegebedürftige mit türkischem Migrationshintergrund. Die Tagespflege wird an fünf Wochentagen von durchschnittlich 21 Menschen mit Migrationshintergrund genutzt.
Der Senat hat in seiner Mitteilung über die „Interkulturelle Kompetenz in den gesundheitlichen Versorgungsstrukturen Hamburgs“ (Drs. 20/7360), vom März 2013, verschiedene Ansätze zur kultursensiblen Pflege in Hamburg dargestellt. Die „Rahmenplanung der pflegerischen Versorgungsstruktur bis 2015“ ist bereits ausführlich auf den prognostizierten Anstieg pflegebedürftiger älterer Menschen mit Migrationshintergrund eingegangen. Bei der anstehenden Überarbeitung der Rahmenplanung sollen die Erkenntnisse aus den bisher gemachten Erfahrungen einfließen.
Die Bürgerschaft möge beschließen,
Der Senat wird ersucht,
1. eine Evaluation des pflegerischen Angebots des Hauses Veringeck vorzunehmen und darüber sowie
2. im Zusammenhang mit der Überarbeitung der Rahmenplanung der pflegerischen Versorgungsstruktur zu berichten,
a. ob Angebote wie die Einrichtung „Tabea“ auch in anderen Stadtteilen eingerichtet werden sollten und
b. ob aus Sicht des Senats das vorhandene Angebot einer Mischung aus professioneller und familiärer Pflege bei Menschen mit Migrationshintergrund ausreichend ist, und ggf. zu prüfen, ob eine Ausweitung solcher Angebote erforderlich ist.

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